Blickpunkt | Die US-Wahlen in deutschen Medien

Blickpunkt | Die US-Wahlen in deutschen Medien

B2-C2

In der Serie „Blickpunkt“ möchte ich auf die Darstellung von aktuellen Geschehnissen in Politik und Gesellschaft durch deutschsprachige Medien aufmerksam machen und gerne von euch wissen: Wie unterscheidet sich diese Darstellung (a) von eurer Wahrnehmung und (b) von medialer Berichterstattung in anderen Ländern, bzw. eurem Heimatland?

Blickpunkt | Hillary Clinton gegen Donald Trump

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In deutschsprachigen Medien ist die US-Präsidentschaftswahl natürlich ein vieldiskutiertes Thema. Die europäische Sichtweise auf amerikanische Kultur und Politik ist ein Aspekt, der in vielen Gesprächen mit euch (Deutschlernende aus Allerherrenländer) eine wichtige Rolle spielt und den ich hier gerne aufgreifen möchte.

„Mit jeder neu gelernten Sprache erwirbt man eine neue Seele“ heißt es in einem tschechischen Sprichwort: mit dem Erlernen der deutschen Sprache erwirbt man, sofern man sich damit auseinandersetzt, auch eine mitteleuropäische Sicht auf Politik und einen dazu passenden Umgang mit gesellschaftspolitischen Fragen. Wie Thomas Gottschalk (jahrelanger Entertainer und durch die Moderation der Show Wetten, dass..? berühmt geworden) in der Sendung von Anne Will so schön gesagt hat:

„Wir können die Amerikaner beneiden, wir können sie belächeln, wir können sie beschimpfen, aber eines können wir nicht wirklich: Wir können sie nicht wirklich verstehen.“
— Thomas Gottschalk bei Anne Will

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Nun haben wir hier zwei Seiten, die sich gegenüberzustehen scheinen: Sowohl viele US-Amerikaner, als auch viele Deutsche neigen dazu, die Unterschiede im Umgang mit Politik hervorzuheben. Thomas Gottschalk lebt seit vielen Jahren in den USA und wurde quasi als Deutscher mit einem vermeintlichen Einblick in diese Kultur zur Diskussionsrunde bei Anne Will eingeladen: diese Position hat er auch dementsprechend vertreten: „Die sind einfach etwas Anderes… (…) Sie sind unglaublich sympathisch in ihrer Art, sie sind umgänglich, einfach, aber sie sind völlig anders erzogen und haben auch für Politik einen völlig anderen Stellenwert in ihrem Leben. Sie sind dort keineswegs verzweifelt über die Situation die dort eventuell auf sie zukommt. Sie sind wie immer ehrlich: einer hat mir gesagt: >Wir haben einen Kandidaten, der gehört in die Klapsmühle und eine gehört ins Gefängnis und wir müssen uns jetzt zwischen Pest und Cholera entscheiden.< Aber schlimm finden die das nicht. Das sehen die sportlich.“

Das Licht, das die Sendung zu Beginn auf „die Amerikaner“ wirft, kann durchaus von vielen als Provokation empfunden werden.

Wie empfindet ihr das, liebe Leserinnen und Leser? Wo sind „die Amerikaner“, die Trump genauso kritisch sehen wie „die Deutschen“ oder „die Europäer“? Wann kommen sie zu Wort? Ich würde mich freuen, eure (die das hier lesen) Blickweise kennenzulernen: nutzt dafür gerne die Kommentarfunktion am Ende des Artikels.

Zweifelsohne ist es natürlich auch die Absicht einer solchen Fernsehdiskussion, zwei Fronten aufzuzeigen, um eine möglichst intensive Diskussion auszulösen. Wie berichten jedoch andere deutschsprachige Medien über die US-Wahlen?

Ein roter Faden scheint sich durch die deutsche Berichterstattung jedenfalls zu ziehen: Es scheint stets ein Unterton mitzuschwingen, der von Sorge und Unsicherheit geprägt ist. Ist es wirklich möglich, dass eine so rassistische, offensichtlich attackierende und zweifelhafte ökonomische Pläne äußernde Person wie Trump zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wird? Und was halten wir eigentlich von Hillary?

Der Diskurs in den europäischen Medien hat sich nach den vielen Geschehnissen in den letzten Monaten (eine große Anzahl von Flüchtlingen kommen nach Europa, es wird tatsächlich für den Brexit gestimmt und die rechtspopulistischen Parteien gewinnen in vielen europäischen Ländern täglich an Stimmen) zu einem vorsichtigeren, zurückhaltenderen entwickelt. Vorhersehbar ist nichts mehr: vor allem nicht, was in den Köpfen so vieler Menschen vorgeht, wie viel ihrer Gedanken von Sorgen geprägt sind und welche Schlüsse (und Handlungen) sie aus diesen Sorgen ziehen.

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So erklärt Heike Buchter für Zeit Online aus New York, warum Clinton tatsächlich verlieren könnte: ihr „mangelndes Einfühlungsvermögen“ und ihr Lebenslauf würden es ihr schwer machen, die Probleme von vielen Bevölkerungsgruppen tatsächlich zu verstehen. Darüber hinaus sind die Zeiten, wo man nur für Hillary war, weil sie die erste Frau in dieser mächtigen Position werden könnten, vorbei.

Viel mehr wissen wir nicht und müssen wir vielleicht auch nicht wissen: es gibt nun einmal keine anderen Kandidaten mehr, Trump oder Clinton, that’s it. Das löst ein beklemmendes Gefühl aus, welchem man in einem Forum des österreichischen Nachrichtensenders ORF – wie könnte es anders sein1 – aus Verzweiflung mit Ironie und Zynismus begegnet: „(…) Also wird es natuerlich Clinton werden, und die Kriegsmaschinerie und Stachelein weltweit werden einen neuen Hoehepunkt erreichen. Es muss also ein Friedensnobelpreis fuer Clinton kommen, damit der neue Rekord an Drohnentoetungen und Drohgebaerden auch versuesst wird.“ (tschef, orf.at) Besonders im neutralen Österreich steht man der militärischen Involvierung der USA sehr kritisch gegenüber, wie die Anspielung auf die Verleihung des Friedensnobelpreises an Obama trotz vieler Militäroperationen während seiner Amtszeit zeigt.

Die Berichterstattung des ORF scheint in Bezug auf Trumps Verhalten von einem fast wortlosen Kopfschütteln begleitet zu sein: Ja, wirklich? Wie schafft Trump es ernsthaft, eine Schönheitskönigin zum Thema einer politischen Debatte zu machen?

deutschrichtig_blickpunkt_uswahlen_orf02Da bleiben einem auch tatsächlich die Worte weg, so wird die Zeit genutzt um einmal mehr zu versuchen, das US-amerikanische Wahlsystem zu verstehen, welches sich so stark vom deutschen und auch vom österreichischen unterscheidet: Die Bandbreite reicht von der Aufklärung über Swing-States (n-tv.de) und Battleground-Countys (orf.at) über Early-Voting (tagesschau.de) hin zu allen Fakten zur US-Wahl (spiegel.de).

Wichtig ist „uns Deutschen“ oder „uns Österreichern“ auf jeden Fall die Wahrheit. So gibt es zu vielen Fernsehdebatten im Anschluss jeweils einen Fakten-Check: Wie aufrichtig waren Trump und Clinton? „Uns Deutschen“ ist hier übrigens absichtlich provozierend zu verstehen, da ich hier von Verallgemeinerung absehen möchte: das wäre schließlich auch zu einfach. Stimmt’s, Herr Gottschalk?

 

Vielmehr möchte ich euch, liebe Leserinnen und Leser, dazu auffordern, euch in den Kommentaren dazu zu äußern, wie eure Wahrnehmung dazu ist.

  • Gibt es Fakten-Checks in der Berichterstattung der Länder, in welchen ihr lebt?
  • Wie nimmt man Donald Trump und Hillary Clinton dort wahr?
  • Was sagt ihr zur Meinung „der Deutschen“ über „die Amerikaner“ (am Beispiel von Thomas Gottschalk)?

Ich freue mich auf eure Kommentare.

ein Artikel von Kerstin Schachinger

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