Ratlose Gesichter. Eine Woche nach den US-Wahlen im Gespräch mit US-Amerikanern.

Ratlose Gesichter. Eine Woche nach den US-Wahlen im Gespräch mit US-Amerikanern.

Dieses Jahr ist so voll von Ereignissen, die einem immer wieder aufs Neue die Sprache rauben: das ist eine Unterhaltung die ich in letzter Zeit vermehrt mit Freunden und Sprachschülern führe. Vor allem, weil wir einfach nicht mehr wissen, was wir noch sagen können. Anfängliche Verwunderung und ansteigender Ärger sind zu einem blanken Entsetzen geworden. Die Worte fehlen.

Jemand muss jedoch reden. Wir müssen weiterreden. Und nach der letzten Woche, wo ich in einige Gesichter tief enttäuschter US-Amerikaner und Europäer geblickt habe, die ich als Deutschtrainerin kennenlernen durfte, habe ich nun das Bedürfnis, etwas zu teilen. Diese Gespräche haben mich tief berührt und haben mir Anlass gegeben, weiter zu recherchieren und die Worte wieder zurückzuholen. Auch Schweigen ist keine Lösung. Jetzt erst recht nicht mehr. Hier möchte ich einen kleinen Ausschnitt mit euch teilen:

Johanna stammt ursprünglich aus den USA und lebt seit ein paar Jahren in Berlin. Sie arbeitet im IT-Bereich, gestaltet ihre Wochenenden mit Reisen innerhalb Europas, mit Abendessen bei ihren internationalen Freunden und arbeitet neben der vollen Auslastung noch fleißig an ihrem Deutsch. „Die letzten zwei Wochen waren komisch für mich und ich finde es schwer, mich zu konzentrieren„, sagt sie mit einer verlegenen, etwas ratlosen Stimme. Sie hatte auch ihre Stimme abgegeben, per Briefwahl. Dass dieses Ergebnis tatsächlich Realität ist, hat sie immer noch nicht so richtig verarbeitet.

Ich finde es schwer, mich zu konzentrieren. (Johanna)

Auch Frederick hat Probleme, sich zu konzentrieren: der Brite promoviert in Harvard (Boston) in Musikwissenschaften. Eine inhaltliche Auseinandersetzung ist im Moment jedoch schwierig: „Alle sind leicht abgelenkt. Man muss sich ein bisschen mit diesem schrecklichen Ergebnis auseinandersetzen und überlegen, wie man damit umgeht.“

John Paul hat einen müderen Blick als sonst, als er seine Webcam einschaltet. Ein Journalist in Rente mit viel Energie, der seine viele freie Zeit nun für diverse Projekte nützen möchte, eines davon ist, seine Deutschkenntnisse aufzufrischen. Als Junge war er mit einem Sprachaustauschprogramm in Passau, in Süddeutschland und hat seither eine spezielle Verbindung zu deutschsprachigen Regionen. Seine übliche Euphorie und Begeisterungsfähigkeit scheinen diese Woche geknickt zu sein: „Das ist eine Verlegenheit für unser Land“, sagt er mit leerem Blick. „Fast jeder, den ich kenne, ist schockiert.“

Das ist eine Verlegenheit für unser Land. (John Paul)

Wie kann man nun jedoch mit diesem Schock umgehen, frage ich mich? Ich wage es kaum, diese Frage an die ratlosen Gesichter zu richten. Sie alle versuchen vor allem, zu verstehen. Johanna beschäftigt sich erneut mit dem Wahlmännerkollegium (Electoral College), liest Artikel und setzt sich mit möglichen Gründen auseinander. John Paul versteht den Ärger, den viele Trump-Wähler in sich tragen: „Sie hatten Recht, dass die Elitären in den Städten und in Washington nicht zugehört haben.“ Seine Enttäuschung richtet sich nun an die Demokraten: “Trump hat diese Leute gehört und er hat darüber nachgedacht, was er sagen muss, um sie zu gewinnen. Das meiste, was er gesagt hat, oder eine Hälfte davon war total falsch und er hat keine Ahnung, was er wirklich machen will, wenn er Präsident wird, aber er hat die Leute gehört. Und Hillary war taub.“

Hillary war taub. (John Paul)

Gianbattista, ein Berater aus Italien mit einem großen historischen und welt-politischen Wissen, sieht die Ursache jedoch in der Partei der Republikaner: „In den 90er Jahren habe ich immer gegen die Parteien gekämpft. Ich war überzeugt, dass sie an allem Schuld waren. Das Problem entsteht [jedoch], wenn eine Partei keine Macht mehr hat. Eine republikanische Partei ohne Macht war eine Ursache für Trumps Erfolg.“ John Paul erwähnt die Fernsehserie (The Apprentice), durch die Trump über Jahre hinweg bekannt geworden ist und bringt somit eine ganz neue Perspektive in meine Aufmerksamkeit: auch so kann man Vertrauen zu Menschen (und späteren Wählern) aufbauen. Sehr fragwürdig. Wäre es nicht so traurig, würde ich lachen. Das fällt mir jedoch in dieser Situation wirklich schwer.

Sehr bildhaft drückt es Frederick aus: Es gibt zwei Amerikas und die sprechen einfach nicht miteinander. Man kann jahrelang in dem einen Amerika leben, ohne das andere zu kennen.“ Dieser Satz trifft mich besonders. Entwickelt sich Europa auch in diese Richtung..? Ich fühle mich ertappt.

Es gibt zwei Amerikas und die sprechen einfach nicht miteinander. (Frederick)

Die zwei Amerikas beschreiben in jedem Fall, warum die Welt sich momentan in einem Schockzustand befindet: „Das Problem ist, dass wir in unserer eigenen politischen Blase leben: ich lese meine Zeitung, ich höre meine Nachrichten, ich spreche mit meinen Freunden, die ähnliche Meinungen haben“, gibt Gianbattista zu. Nun ja, wer von uns könnte das nicht auch bestätigen?

Das Problem ist, dass wir in unserer eigenen politischen Blase leben. (Gianbattista)

Eine Überleitung zu einem anderen Thema oder gar zum Ende einer Deutschstunde hin zu finden fiel mir noch nie so schwer, wie in der letzten Woche. Wir haben Angst vor der Zukunft. Ein betretenes Schweigen, eine Angespanntheit, die man fühlen kann, obwohl wir uns nicht in einem Raum befinden, sondern über eine Videokonferenz über den Antlantik hinweg verbunden sind: Wie geht es jetzt weiter? „Man hat ein Bild im Kopf, wie die Zukunft aussehen wird und dieses Bild ist jetzt zerbrochen“, sagt Frederick. Und in John Pauls abschließenden Worten finden sich Trauer, Angst und ein winziger Schimmer an Hoffnung zugleich:„Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie ich es mir vorstelle.“ Ja. Hoffentlich.

Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie ich es mir vorstelle. (John Paul)

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